UNIVERSITY COLLEGE LONDON |VEREINIGTES KÖNIGREICH
Digitales Prüfen: Transformation im Eiltempo – Fallstudie UCL
Wie das UCL mehr als 50.000 Prüfungsteilnahmen in kürzester Zeit online gebracht und eine eigene Plattform, AssessmentUCL, eingeführt hat, statt vorsichtig zu pilotieren.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Mehr als 50.000 Prüfungsteilnahmen in einem einzigen Sommer online
- Das UCL führte eine eigene Plattform unter der Marke AssessmentUCL ein
- Eine bewusste Entscheidung für die vollständige Einführung statt eines Pilotprojekts
HINTERGRUND
Prüfungen in großem Maßstab richtig umzusetzen, ist für jede Universität eine ernsthafte betriebliche Herausforderung. Am University College London (UCL), wo in einem Prüfungszeitraum bis zu 87.000 Prüfungsteilnahmen anfallen können, sind die Dimensionen beachtlich – und als COVID-19 die Universität in den Lockdown zwang, musste das UCL schnell auf eine digitale Prüfungsplattform umstellen.
Für den ersten Wechsel nutzte das UCL seine virtuelle Lernumgebung (VLE) Moodle. Doch nach dem Hauptprüfungszeitraum 2020 traf das UCL eine mutige Entscheidung: Im Studienjahr 2021 sollten alle Prüfungen und Bewertungen online auf einer neuen, eigens dafür konzipierten Plattform stattfinden. Das UCL wählte UNIwise als bevorzugten Partner und führte im Frühjahr 2021 für alle Studierenden eine eigene Plattform unter der Marke „AssessmentUCL“ ein.
Im Folgenden lesen Sie ein Gespräch mit Derfel Owen (DO), damals Director of Change and Improvement, Joanne Moles (JM), damals Head of Assessment Delivery and Platforms, und Simon Walker (SW), damals Director of Programme Development.
Der Weg zum digitalen Prüfen
DO: COVID war die wichtigste Triebkraft für AssessmentUCL (AUCL). Es gab schon seit Längerem viele Diskussionen darüber, die Prüfungspraxis zu verändern und das Prüfen sowie Lehre und Lernen zu digitalisieren. Wir bewegten uns langsam in diese Richtung und waren an einem Punkt, an dem wir bereit waren, den Markt zu sondieren, aber der entscheidende Moment kam mit der Pandemie. Wir haben sehr schnell entschieden, den Campus zu schließen und über Nacht auf digitale Angebote umzustellen. Wir haben Gas gegeben und einfach gesagt: „Packen wir es an, tasten wir uns nicht zaghaft ins nächste Jahr vor.“ Das war eine ziemlich mutige Entscheidung.
JM: Es war immer geplant, digitales Prüfen (DA) einzuführen, aber das Tempo wäre langsamer und der Umfang viel kleiner gewesen – wir hätten es nach und nach über Pilotprojekte eingeführt. COVID hat das beschleunigt.
SW: Natürlich hatten wir auch darüber gesprochen, dass wir Studierende immer noch in große Prüfungssäle setzten und sie stundenlang auf Papier schreiben ließen, bis ihnen die Arme wehtaten. Das ergab keinen Sinn, aber die Frage war: „Was tun wir dagegen?“ Aus pädagogischer Sicht fragten wir uns: „Warum prüfen wir immer noch mit Klausuren, wenn die Welt nicht so funktioniert?“ Uns wurde klar, dass es neue Prüfungsformen geben musste. Als wir uns die verschiedenen Plattformen ansahen, erkannten wir, wie viel möglich ist – Video, Podcast, Teamarbeit. Die Liste war lang.
DO: Der Raum war da und wollte besetzt werden. Wir haben diese Chance genutzt.
Ein „Big-Bang“-Ansatz
DO: In einem Gespräch sagte ich: „Wir pilotieren dieses Jahr nicht. Wir machen alles.“ Wir wussten, dass wir es schaffen können, weil wir es schon einmal mit der VLE gemacht hatten, und die war nicht für Prüfungen in großem Maßstab ausgelegt. Warum sollten wir also nicht das Selbstvertrauen haben, den ganzen Weg zu gehen – mit einer wirklich breiten Beteiligung in der gesamten Einrichtung und auf einer Plattform, die speziell für das Prüfen entwickelt wurde? Das bedeutete rund 50.000 Prüfungsteilnahmen im Sommer und zeitgleich verschiedene weitere Prüfungen. Ohne die Pandemie hätten wir wahrscheinlich viele Pilotprojekte mit begeisterten Fürsprecher:innen an der ganzen Universität gehabt, was natürlich wichtig ist. Stattdessen wählten wir einen Ansatz, mit dem wir sofort jeden Winkel der Universität erreichten. Es gab keinen Bereich des UCL, der nicht mit DA oder AUCL in Berührung kam.
JM: Wir haben das Projekt nicht nur aus einem Bereich heraus vorangetrieben. DA war der Schlüssel für Schulung, Lehre und Onboarding. Bei der Prüfungsdurchführung ging es dagegen ganz um Regelwerk und Umsetzung. Aus Sicht der Durchführung war es entscheidend, dass Entscheidungen getroffen wurden und wir dabei blieben.
SW: Wir haben uns als geschlossene Front innerhalb der Universität gemeinsam auf all die Dinge zubewegt, die wir schon lange tun wollten.
Veränderte Praxis und Kultur
SW: Die größte Hürde auf akademischer Seite war die Kultur. Genau dort wurde es wirklich interessant. Wie ändert man die Denkweise, wenn man erfolgreiche Akademiker:innen hat, die im Großen und Ganzen noch nie DA genutzt haben? Sie sind in ihrem eigenen Fach bestens zu Hause – und gleichzeitig steht diese gewaltige Veränderung an, und man versucht, die Leute davon zu überzeugen, mitzugehen und sich zu verändern, natürlich mit einem gewissen Maß an Belegen.
Glücklicherweise hat das UCL enorme Ressourcen in diesen Wandel gesteckt. Wir konnten eigene DA-Berater:innen einstellen – ein ganzes Team –, die mit unseren Berater:innen für digitale Bildung und Pädagogik sowie mit den Faculty Tutors zusammenarbeiteten und so große, schlagkräftige Teams bildeten. Wenn eine Lehrperson sagte, dass eine Prüfung nicht funktioniert oder auf eine bestimmte Weise gestaltet sein muss, um die Studierenden auf die Welt nach dem Studium vorzubereiten, gab es eine Anlaufstelle, an die sie sich wenden konnte.
DO: Man muss unbedingt verstehen, dass die Digitalisierung des Prüfens an sich keine Lösung ist. Wir mussten trotzdem die damit verbundene Praxis verändern, das Erlebnis der Studierenden, den Umfang und die Art der Prüfungen und die Nützlichkeit des Feedbacks. Wir mussten ständig mit unseren DA-Partnern zusammenarbeiten, um neue und andere Lösungen zu finden, die unseren Kolleg:innen in der Lehre in dem Teil des Prüfungsprozesses halfen, mit dem sie gerade zu kämpfen hatten, und ihnen die Gewissheit gaben, dass wir es für sie besser machen.
Ratschläge für Einrichtungen, die den digitalen Wechsel erwägen
JM: Die Kommunikation muss übergreifend sein, für Mitarbeitende und Studierende gleichermaßen. Town-Hall-Meetings sind am UCL üblich, und sie helfen, weil man damit schnell viele Menschen erreicht. Eine unserer Lehren war, dass die Kommunikation beim ersten Mal stimmen muss, sonst holen einen später die Regelwerke ein.
SW: Ständige Ermutigung – so funktioniert das UCL. Immer, immer über eine breite Beteiligung – es ist keine Universität, die von oben herab geführt wird, und das ist von Vorteil, statt dass jemand eine uninformierte Entscheidung trifft und sagt: „Tut mir leid, so wird es gemacht.“
DO: Ein Plan ist unerlässlich. Treffen Sie die großen Entscheidungen früh, kommunizieren Sie sie und machen Sie den Kolleg:innen dann klar, wo es noch Spielraum für Diskussionen gibt. Darin haben wir richtig gut hineingefunden.
Es ist sehr hilfreich, eine große Gemeinschaft zusammenzubringen und Kolleg:innen sich gegenseitig zeigen zu lassen, was sie für den richtigen Kompromiss halten. Die Leute müssen verstehen, dass in einer großen, komplizierten Organisation alles sehr einfach erscheint, wenn man aus dem eigenen kleinen Kaninchenbau herausschaut – aber wenn man sieht, dass 200 andere Kaninchen aus ihren Bauen lugen, wird einem klar: „Okay, hier werden wir Kompromisse eingehen müssen, um voranzukommen.“
JM: Ich würde außerdem sagen, dass es wichtig ist, die gesammelten Daten zu nutzen. Wir haben besonders auf die Anfragen der Studierenden geachtet. Dadurch konnten wir zum ersten Mal beziffern, was hinter den „Geräuschen“ tatsächlich steckte. Wenn man fünf oder zehn E-Mails bekommt, wirkt ein Problem riesig, aber mit Daten sieht man, dass es nur wenige Personen betrifft. Das hat uns bei der Überarbeitung unseres Regelwerks sehr geholfen.
Ich würde auch sagen, dass das institutionelle Engagement des UCL und über alle Bereiche hinweg phänomenal war. Großes Lob an die Hochschulleitung für die Investition in diese Transformation. Ohne die Investition dieser zentralen Entscheidungsträger:innen und die Unterstützung der Führungsebene wäre es nicht passiert. Das war wahrscheinlich der größte Einflussfaktor für den Wandel.